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Störungsorientierte Psychotherapieausbildung
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© 2009 IFBess

Einleitung

Essstörungen gehören zu den wesentlichen modernen Krankheiten. Besonders Frauen sind davon betroffen. Bis zu fünf Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 14 und 35 Jahren leiden an einer dieser Erkrankungen - an einer Magersucht, einer Bulimie oder einer nicht näher bezeichneten  Essstörung. Ein noch größerer Teil ist gefährdet, eine solche Störung zu entwickeln. Ca. zwanzig Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren zeigen auffallendes Essverhalten; bei den Mädchen dieser Altergruppe sind es fast dreißig Prozent (Hölling u. Schlack 2007). Betrachtet man die Anzahl verlorener Entwicklungsjahre bei psychiatrischen Erkrankungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter, so stehen die Essstörungen an vierter Stelle.Ursachen für die Essstörungen sind multifaktoriell: Familiäre, soziale und biologische Faktoren sowie die Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung spielen eine Rolle. Frauen sind zudem durch den gesellschaftlichen und soziokulturellen Kontext mit seinen vielfältigen Ansprüchen von Essstörungen besonders betroffen

Ein weiteres, größer werdendendes Problem ist eine Essstörung mit „Fressanfällen“ (Binge Eating Störung), die vor allem bei erwachsenen Frauen, aber auch bei Männern auftritt und typischerweise zur Gewichtszunahme führt. Essstörungen haben eine Tendenz zur Chronifizierung mit erheblichen psychischen, körperlichen und sozialen Folgen für die Betroffenen und auch für ihre Angehörigen, zudem mit erheblichen finanziellen Belastungen auch für das Gesundheitswesen, den Rentenversicherungsträger und Arbeitgeber.

In jüngster Zeit rückt die Gruppe der Übergewichtigen und Adipösen ins Blickfeld. Die Prävalenz dieser Störungen steigt kontinuierlich sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. In der Bundesrepublik ist ca. jede dritte weibliche und jeder zweite männliche Erwachsene übergewichtig und jeder fünfte Erwachsene adipös (Deutsche Adipositas-Gesellschaft 2007). Bei den Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren sind 15 % übergewichtig und ca. 6 % adipös (Kurth u. Schaffrath Rosario 2007). Adipositas und Übergewicht zählen nicht zu den Essstörungen im klinischen Sinne, da sie nicht zwangsläufig mit gestörtem Essverhalten oder seelischen Ursachen verbunden sind. Sie können aber durch eine Essstörung verursacht oder verstärkt werden. In der Praxis müssen auch hier die Beteiligung psychosozialer Faktoren und die psychosozialen Folgen beachtet werden.

Der zunehmenden Zahl von Personen, die eine Essstörung entwickeln bzw. zu den Hochrisiko-Gruppen für diese Störungen gerechnet werden müssen, steht in der Bundesrepublik Deutschland ein unzureichendes beraterisches und psychotherapeutisches Behandlungsangebot gegenüber. Patienten mit Essstörungen gehören zu den psychotherapeutisch am schlechtesten versorgten Patientengruppen (Reich et al. 2005, Zepf et al. 2001). Wegen des besonderen Charakters und des Verlaufs dieser Störungen ist ein abgestuftes System von Beratung, Diagnostik, ambulanter und stationärer Therapie sowie einer entsprechenden Nachsorge in einer Versorgungskette notwendig.

Die Diagnostik und Behandlung von Essstörungen erfordert besondere Kenntnisse und therapeutische Voraussetzungen. Die körperlichen Folgen und Komplikationen des Hungerns/Erbrechens/übertriebenen Sporttreibens/von Essanfällen mit daraus folgender Gewichtszunahme müssen ebenso eingeschätzt und berücksichtigt werden, wie die seelischen und sozialen.

Das vorliegende Curriculum dient der Vermittlung grundlegender und spezifischer Kenntnisse in der Diagnostik und Behandlung der verschiedenen Formen von Essstörungen. Neben Praxis orientierter Vermittlung von entsprechenden  Kenntnissen umfasst das Curriculum auch Behandlungen unter Supervision.

Curriculum Essstörung

Grundsätzlich werden die Aufgaben der für die Behandlung von Essstörungen fachkundigen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und -therapeutinnen sowie aller beratend tätigen Berufsgruppen im BFE in folgenden Funktionen gesehen:

  1. Diagnostik und Indikationsstellung für eine angemessene Behandlung der Essstörung.
  2. Beratung von Patienten und Patientinnen und Angehörigen über notwendige Behandlungsschritte.
  3. Durchführung von Behandlungen, die den psychischen und somatischen Gegebenheiten der jeweiligen Essstörung Rechnung trägt.

 

Der Bedarf an einer störungsorientierten Fortbildung in Bezug auf Essstörungen ergibt sich aus:

  • der Häufigkeit von Essstörungen im psychotherapeutischen Alltag
  • der Notwendigkeit eines qualifizierten psychotherapeutischen Handelns bei Essstörungen sowie
  • der häufig ungenügenden Aus- und Weiterbildung von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zur Behandlung unterschiedlicher Formen von Essstörungen und zur Kooperation mit anderen Einrichtungen und Berufsgruppen.